Saddle Sore 1000 (Meilen)

 

Ich mag so etwas gar nicht…

 Kurzfristig etwas machen, was meiner Meinung nach eine ausführliche Vorbereitung erfordert…, z.B. einen Iron Butt Ride.

 Ich mag auch nicht vor so etwas anstrengendem wie einem Saddle Sore 1000 Meilen am Vorabend ein Konzert zu besuchen, auch wenn es sich um eine Elvis Tribut Show handelt.

 Und was ich erst recht nicht mag, ist dass eine Wettervorhersage, die für den ganzen Tag Temperaturen zwischen 36 und 38 Grad Celsius verspricht…

 Aber gut, da ich leider nicht immer über meinen Terminkalender bestimmen kann, wie ich gerne möchte und der Pfingstsonntag für längere Zeit die letzte Gelegenheit für meinen nächsten Iron Butt Ride sein wird, mache ich mich nach einer relativ kurzen Nacht auf den Weg. Eigentlich will ich diesmal erst um 09:00 Uhr starten, aber das Adrenalin und die Aussicht auf tropische Temperaturen lassen mich bereits um 05:30 Uhr an der ersten Tankstelle in meinem Heimatort im Taunus in den Ride einchecken. Wenigstens muss ich mir um die Route keine Sorgen machen. Ich verwende die gleiche Route wie im September letzten Jahres, als ich meinen ersten Saddle Sore 1600 Kilometer gefahren bin. Da die benötigte Streckenlänge für beide Rides fast identisch sind, sollte einer Zertifizierung nichts im Wege stehen. Wenn ich es denn schaffe…

Es ist tatsächlich am frühen Morgen noch recht kühl. Daher lasse ich das Futter erst einmal noch in der Jacke. Ich ahne bereits, dass ich mich im Laufe des Tages noch nach dieser Kühle sehnen werde. Gegen 08:00 Uhr erreiche ich Göttingen. Da ich auch die gleichen Tankstellen benutzen will wie beim letzten Mal, erkenne ich die Raststätte gleich wieder. Die Temperatur ist in den letzten zwei Stunden so gestiegen, dass ich mich meines Hemds und des Thermofutters vor der Weiterfahrt entledige. Ein lange Pause gönne ich mir nicht. Tanken, Eintrag ins Logbuch und ein langer Schluck Wasser müssen genügen. Wenn es heute tatsächlich so heiß wird, werde ich die Zeit für Pausen noch bitter nötig haben. Ich habe gehörigen Respekt vor dem vorhergesagten Wetter – und davor nicht genug zu trinken.

Weiter geht die Fahrt Richtung Hamburg. Der Verkehr so relativ früh am Tag hält sich – wie es sich für einen Feiertag gehört – in Grenzen. Erst als ich mich gegen 11:00 Uhr Hamburg nähere, nimmt der Anteil an Dosenfahrern massiv zu. Anscheinend möchte jeder Hamburger den Tag an der Nordsee verbringen. Das, gepaart mit unzähligen Baustellen, führt mich von einem stockenden Verkehr zum nächsten. Zum Glück ist man als Zweiradfahrer nicht darauf angewiesen, sich hinten im Stau anzustellen…

Diesmal habe ich meine Taktik geändert. Bei meinem letzten SS1600K hatte ich in der Nähe von Dresden eine Schlaf- und Duschpause von ca. 3 Stunden eingelegt. Bei diesem Ride will ich auf längere Pausen verzichten und lieber zwischendurch immer wieder die Fahrt für kurze Zeit unterbrechen.

Wenige Kilometer hinter Berlin möchte ich eine solche Unterbrechung von ca. 15 Minuten im Schatten auf einem Rastplatz einlegen. Dazu kommt es allerdings nicht, da ich Aufgrund einer Vollsperrung auf der A10 eine 45 Minütige Zwangspause einlegen muss. Ein Auto hat ungefähr 500 Meter vor mir Feuer gefangen und steht mittlerweile lichterloh in Flammen. Zum Glück konnte der Fahrer unverletzt sein Fahrzeug verlassen und die Feuerwehr ist innerhalb von wenigen Minuten vor Ort. Trotzdem heißt das für mich erst einmal in der prallen Sonne zu stehen. Die Sonne ist heute nicht unbedingt mein bester Freund. Hat sie die Luft mittlerweile doch auf 36 Grad Celcius aufgeheizt. Zum Glück lädt mich ein freundlicher Dosenfahrer auf das bisschen Schatten ein, das sein Anhänger wirft. Kaum habe ich mich auf dem heißen Asphalt niedergelassen, bietet mir eine Dame aus dem Fahrzeug dahinter kühle Kirschen aus ihrer Kühlbox an. Sag noch mal einer, es gäbe keine Hilfsbereitschaft mehr unter den Menschen. Da die Feuerwehr und der Abschleppdienst flott arbeiten (die wollen wahrscheinlich auch wieder aus der Sonne raus), ist die Vollsperrung recht schnell wieder aufgehoben. Und weiter geht der Ritt durch die Hitze Hölle Richtung Dresden. Und hier habe ich das nächste überraschende Erlebnis des Tages.  Auf einem Rastplatz spricht mich ein Paar mittleren Alters auf meinen IBA Nummernschildhalter an und erzählt, dass sie von der Iron Butt Association schon im TOURENFAHRER gelesen haben. Interessiert lassen sie sich meine Route auf der Karte zeigen und wünschen mir viel Glück. Schön einmal nicht als Spinner abgestempelt zu werden.

Auf der Weiterfahrt Richtung Nürnberg geht die Sonne langsam unter, aber es ist immer noch sehr heiß. Die Temperatur wird erst dann erträglich werden, sobald die Sonne ganz verschwunden ist. Aber jetzt in den Abendstunden habe ich erst einmal mit einem ganz anderen Problem zu kämpfen. Hunderte Insekten haben sich zum gemeinschaftlichen Selbstmord verabredet und stürzen sich wie japanische Kamikaze –Piloten auf mein Visier. Teilweise führt das zu Geräuschen, die mir eine Gänsehaut verursachen. Nach einem schnellen Abendessen wird es Zeit für die vorletzte Etappe Richtung Heilbronn. Also schnell ein neues Hörbuch auf die Ohren – auch bei diesem Ride bleibe ich Agatha Christie treu und hangele mich von einem potenziellem Mörder zum nächsten (leider segnen meine Kandidaten mal wieder einer nach dem anderen das Zeitliche) – und ab in den Sattel. Apropos Sattel. Der s.g. Monkey Butt bleibt mir diesmal erspart. Nur meine Knie melden sich von Zeit zu Zeit. Vielleicht werde ich die Fußrasten meiner BMW F 650 GS doch noch etwas tiefer legen. Alle anderen Unannehmlichkeiten konnte ich mit Hilfe von Gasgriff-Assistent auf Gas und Kupplungsgriff, einer dick gepolsterten Rad Hose und einer Beadrider Sitzauflage eliminieren.

 Langsam aber sicher merke ich jetzt wie sehr mich diese Hitzeschlacht doch angestrengt hat. Trotz permanenter Flüssigkeitszufuhr – am Ende der Fahrt werde ich bei 5,5 Liter Wasser angelangt sein, bin ich immer durstig und freue mich jetzt schon auf eine eiskalte Flasche Bier, wenn ich wieder zu Hause bin. Aber bis dahin sind es noch ein paar Kilometer in der mittlerweile stockdunklen Nacht. Zum Glück haben meine beiden Wunderlich Zusatzscheinwerfer einer Nachtfahrt den Schrecken genommen. An einem mich überholenden Motorrad entdecke ich zwei gleißend weiße Reflektoren Aufkleber. Sofort mache ich im Geiste eine Notiz an mich selbst und beschließe meine Koffer auch mir so etwas zu bereichern.

Nach dem vorletzten Tankstopp in Heilbronn bin ich auf den letzten 153 Kilometern doch noch einmal gezwungen einen Rastplatz anzusteuern. Ich kann es zwar selbst kaum glauben, aber mittlerweile ist mir so kühl, dass ich gerne mein Hemd wieder anziehe. Vielleicht sind das ja die ersten Symptome eines Hitzschlags…? Aber für so einen Unsinn habe ich jetzt keine Zeit. Ich bin kurz vor der Vollendung meines zweiten IBA Rides und suche schon einen Platz auf meiner Motorradjacke für meinen neuen Patch.

Kurze Zeit später ist es geschafft.  Ich bin 1652 Kilometer gefahren. Das sollte ohne Probleme für umgerechnet 1000 Meilen ausreichen. Ich tanke meine BMW ein letztes Mal an der gleichen Tankstelle, an der ich 19,5 Stunden zuvor in die Rally eingestiegen war. Ein wahnsinnig befriedigendes Gefühl. Schnell noch ein letzter Logbuch Eintrag und ich mach mich auf den Weg zu der bereits beschriebenen eiskalten Bierflasche. Natürlich zeigt der Alkohol noch so einem Tag schnell Wirkung, aber mein letzter Gedanke vor dem Einschlafen gilt schon jetzt meinem nächsten Ride…  

Es macht halt eben doch süchtig…

 

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